Grundgedanken

Das von Maria Montessori erstellte pädagogische Konzept umfasst die gesamte kindliche Entwicklung, angefangen bei der Geburt bis hin zum Eintritt in das Erwachsenenalter. Das Kind ist für Maria Montessori kein passives Wesen, sondern eine Persönlichkeit mit großer Eigenaktivität und Konzentrationsfähigkeit.

Sensible Phasen

Montessori spricht von einem Bauplan der Entwicklung, d. h. die menschliche Entwicklung vollzieht sich gesetzmäßig und regelhaft.

Montessori unterscheidet drei große Entwicklungsstufen. In jeder dieser Stufen gibt es eine sensible Phase, in denen das Kind bestimmte Fähigkeiten (z. B. Laufen, Lesen, Sprechen) besonders gut erlernen kann.

Hat das Kind in dieser Phase Erwachsene um sich, die es bestärken, aber weder bedrängen noch behindern, und eine vorbereitete Umgebung, so wird es die entsprechende Fähigkeit freudig und aus eigenem Antrieb lernen.

Fähigkeiten und Fertigkeiten, die außerhalb der entsprechenden sensiblen Phase gelernt werden sollen, können nicht mit der gleichen Leichtigkeit gemeistert werden, und das Lernen geschieht nicht so selbstverständlich.

Polarisation der Aufmerksamkeit

Montessori entdeckte, dass es Kindern gelingen kann, sich total zu konzentrieren, während sie sich mit einem selbstgewählten Gegenstand beschäftigen. Die Konzentration lässt erst dann nach, wenn die selbstgewählte Aufgabe gelöst wurde. Montessori schrieb:

Ich beobachtete … ein etwa dreijähriges Mädchen, das tief versunken war in eine Übung mit den kleinen Holzzylindern, die es aus den Vertiefungen des Holzblockes herausnahm und dann wieder an ihren richtigen Platz brachte. Der Ausdruck des Kindes zeugte von einer so tiefen Aufmerksamkeit, dass es für mich eine Offenbarung war: … Ich beobachtete die Kleine mit Spannung, ohne sie zu stören. Ich zählte 44 Wiederholungen, und als sie endlich aufhörte, tat sie das ganz unabhängig von den Ablenkungen um sie her, die sie hätten stören können, und blickte glücklich umher, als ob sie von einem erquickendem Schlaf erwacht wäre.

Für Montessori tritt diese Konzentration immer dann auf, wenn ein Mensch sich aus innerstem Interesse einer Sache hingibt: Das Kind und die Sache werden eins.

Das so in seine Beschäftigung vertiefte Kind lässt sich durch nichts mehr ablenken, weder Unruhe noch Aktivitäten seine Mitschüler können es stören. Ist die selbstgewählte Aufgabe gelöst, wirkt das Kind ausgeglichen und zufrieden.

Die vorbereitete Umgebung

Eine der Hauptaufgaben des Lehrers besteht bei Maria Montessori in der Gestaltung der vorbereiteten Umgebung. Anhand der speziellen Montessori-Materialien soll das Kind seine Fähigkeiten entwickeln.

Alle Materialien sollen
– entwicklungsgemäß sein
– aufeinander aufbauen
– Sinne und Bewegung einbeziehen
– Wiederholungen und variantenreiche Anwendung ermöglichen.

Abstrakte Lerninhalte werden versinnbildlicht und dem Kind über konkretes Handeln zugänglich gemacht. Jedes Material beinhaltet Selbstkontrolle. Durch seine ästhetische Gestaltung besitzt es einen hohen Aufforderungscharakter.

Alle Materialien sind in offenen Regalen untergebracht, frei zugänglich und nach Lernbereichen übersichtlich eingeordnet. Das Kind kann sich allein im Raum zurechtfinden und selbstständig arbeiten.

Die freie Wahl

Der Kern der Montessori-Pädagogik ist die freie Wahl: Ein frei handelndes Kind tut etwas von sich aus, freiwillig, spontan und angstfrei.

Dem Lehrer ermöglicht die freie Wahl die Beobachtung individueller Lernvoraussetzungen und Lernfortschritte. Daran richtet er das Angebot des Materials und die Art der individuellen Unterstützung des Kindes aus.

Freie Wahl ist nicht zu verwechseln mit einem Laissez-faire-Stil. Sie bedeutet nicht „Freiheit wovon“, sondern „Freiheit wozu“: Das Kind entscheidet sich für den Zeitpunkt einer Arbeit, für deren Dauer, es bestimmt die Anzahl der Wiederholungen, wählt seinen Arbeitsplatz und eventuelle Partner selber aus.

Die vorbereitete Umgebung schränkt jedoch die Wahlfreiheit des Kindes ein: Jedes Arbeitsmittel ist nur einmal vorhanden, denn Überfülle überfordert. Die Einmaligkeit hebt den Wert des Materials und fördert soziale Prozesse. Absprachen mit Klassenkameraden müssen getroffen, Vereinbarungen eingehalten werden.

Selbsttätigkeit und Bewegung

Intelligenz entwickelt sich nur in Auseinandersetzung mit der Umwelt, und das ist nur durch aktives Tun möglich. Dem Kind müssen daher Gelegenheiten zu Selbstständigkeit und Bewegung geboten werden. Die von Maria Montessori entwickelten Materialien ermöglichen es dem Kind, Sachverhalte und selbst abstrakte mathematische Begriffe zu „begreifen“.

Die Rolle des Lehrers und Erziehers

Der Lehrer oder die Lehrerin tritt in der Montessori-Erziehung als Beobachter und Helfer hinter das Kind zurück. Das Kind bestimmt selbst, was es macht,  und das Material motiviert das Kind zu seinen Aktivitäten.

Der Lehrer wird zum Mittler zwischen Material und Kind. Er weiß bei jedem einzelnem Kind, welche Lernziele es schon erreicht hat und welche Schwierigkeiten es im Moment zu meistern hat. Wo nötig, bietet er seine Hilfe an, macht das Kind mit einem neuen Material vertraut und unterstützt die Eigenaktivität des Kindes.

Die indirekte Erziehung

Das oberste Ziel der Montessori-Erziehung ist die Unabhängigkeit des Kindes vom Erwachsenen. Dies wird auf vielfältige Weise angestrebt.

Die Schule soll ein Ort sein, an dem das Kind sich wohlfühlt. Der Umgang mit entwicklungsgemäßem Material, das auch Interessen und Begabungen jedes einzelnen Schülers berücksichtigt, ist die Voraussetzung für dauerhafte Lernfreude. Die Möglichkeit der intensiven und langanhaltenden Beschäftigung mit einem Lerngegenstand, die beliebige Wiederholung einer Übung gibt dem Kind Sicherheit und Vertrauen in die eigene Leistung und unterstützt es auf seinem Weg, selbstbestimmt und entscheidungsfreudiger zu werden. Durch die selbsttätige Auseinandersetzung mit Sachverhalten und unterrichtlichen Problemen wird es selbstständig und kommt damit dem zentralen Erziehungsziel Maria Montessoris ein Stück näher. Die Lernumgebung, die konzentriertes Handeln und Lernen zulässt und fördert, führt das Kind zu Ausgeglichenheit und innerer Harmonie, die Ästhetik des Materials und der vorbereiteten Umgebung wecken die Wertschätzung für alle Dinge, mit denen wir umgehen, und weiten den Sinn für das Schöne.

Bildnachweis: Bernd Zwönitzer